Gedanken aus dem Alltag

30. September 2026 · 4 Minuten Lesezeit

Erinnerung

Du siehst eigentlich aus wie immer. Aber dennoch ganz anders. Es ist gar nicht so einfach zu sagen, was es genau ist. Auf jeden Fall deine Augen. Sie sind ganz trübe. Manchmal weiß ich gar nicht, ob du überhaupt noch siehst durch diese trüben Linsen. Helles Blau. So sahen sie schon immer aus. Aber jetzt liegt ein Schleier drüber, der dein Inneres von der äußeren Welt trennt. Deine Schultern hängen tief. Und du hast einen Buckel. Den hattest du früher nie. Dabei hast du so viel gebückt gearbeitet. Im Garten hast du die Kartoffelkäfer von den Blättern gesammelt, zusammen mit mir. In deinem Garten neben der Sparkasse. Du hast mich im graublauen Handwagen gezogen. Im Garten standen ganz vorn die Kartoffeln. Am Rand die Büsche mit den Stachelbeeren. Noch heute erinnere ich mich an einen Sommer, wo die Büsche voll hingen mit den reifen Früchten. Du hattest einen alten Bauwagen. Ich kann nicht mehr sagen, wie genau er roch. Aber würde mir der Geruch heute in die Nase kriechen, ich würde ihn sofort wiedererkennen. Es gab kein fließendes Wasser. Aber du hattest immer Thermoskannen dabei.

Du trägst jetzt andere Sachen. Hosen, Turnschuhe. Ich habe dich früher eigentlich immer nur im Rock gesehen. Jedenfalls glaube ich das, wenn ich versuche mich zu erinnern. Jetzt muss es praktisch sein. Du brauchst Hilfe bei fast allem. Ich weiß noch nicht einmal, ob du je Turnschuhe besessen hast. Du hattest so schöne weiße Stiefel. Du hattest sie bei einer Vietnamesin kurz nach dem Fall der Mauer gekauft und ich fand sie todschick. Heute erinnerst du dich daran nicht mehr. Überhaupt erinnerst du dich nicht mehr. Auch mich hast du, glaube ich, vergessen. Aber ich merke, dass du dich bei mir gut fühlst. Du weißt wahrscheinlich nicht mehr, wer ich bin und in welchem Verhältnis wir stehen. Aber eigentlich ist das auch egal. Wir mögen uns.

Jedes Mal, wenn ich dich besuche, muss ich am Ende weinen. Weil es jedes Mal ein Abschied ist. Ich weiß nicht, ob ich dich noch einmal wiedersehen werde. Und gleichzeitig hab ich dich ja schon lange verloren. Die Oma, die jetzt vor mir sitzt, ist nicht mehr die Oma, die ich so lange kannte. Du bist immer noch fröhlich. Lachst gerne. Du bist nett und freundlich. Du warst schon immer angepasst. Ich weiß nicht, ob ich dich je jammern gehört habe. Jetzt wohnst du in einer Alten-WG in deinem alten Dorf. Das macht mich sehr glücklich. Du hörst den bekannten Dialekt. Es gibt sogar Menschen, die mit dir zusammenwohnen, die du schon Jahrzehnte kennst. Eigentlich. Denn ihr wisst nicht mehr voneinander, wer ihr mal wart. Ich drücke dich. Mir laufen die Tränen. Es ist Mai. 4 Monate später bist du tot. Du stirbst alleine in einem Krankenhaus. Aber du bist nicht lange da. Das ist mein einziger Trost. Es tut mir unendlich leid, dass das so war. Wir sind alle zu weit weg. Meine Mutter bekommt im Urlaub den Anruf einer Ärztin. Ob sie dich gehen lassen sollen. Wäre es ihre Mutter, die der Ärztin, würde sie es nicht machen. Dich nicht wiederholen. Und so gehst du. Es muss sehr schwer gewesen sein für meine Mutter, die Entscheidung zu treffen, dich alleine gehen zu lassen.

Ich bin gerade essen, als meine Mutter mich anruft, um mir die Nachricht zu übermitteln. Ich muss weinen. Aber ich bin auch froh.

Früher, als ich jünger war, hatte ich immer Angst vor dem Tod. Weil ja niemand da war, der dort auf mich wartet, wenn ich komme. Ich bin nicht gläubig. Aber jetzt bist du da und wartest auf mich. Und auch auf alle anderen. Das erleichtert mich. Ich freue mich auf ein Wiedersehen.

Seitdem du weg bist, bist du mir irgendwie näher als früher. Ich denke viel an dich. Ich trage deinen Ring um den Hals. Wenn ich ihn sehe, dann habe ich immer das Bild von deinem dicken Finger vor meinen Augen. Der Ring sitzt in deinem Fleisch. Wenn ich das sehe, habe ich das Bedürfnis, mir die Hände zu reiben. Ich frage mich immer, ob dir das nicht unangenehm ist. Dich frage ich das aber nie. Der Ring gibt mir ein wenig deiner Wärme und Liebe.

Du bist mit 92 Jahren gegangen. Als du etwa 85 Jahre alt warst, vielleicht auch schon ein Jahr früher, hast du angefangen, dich langsam zu verabschieden. Ich habe euch beide besucht, dich und H. Und ich hatte meinen damaligen Freund dabei, in den ich sehr verliebt war. Es gibt ein Foto von euch. Du warst damals schon etwas kleiner als ich, so 152 cm etwa. Mein Freund war 197 cm. Ihr lacht beide. Ich hatte mir gewünscht, dass du Kartoffelsuppe für uns machst. Mit verlorenen Eiern. Die habe ich geliebt. Du hast angefangen zu kochen. Aber du warst von Anfang an verwirrt. Ob du die denn wirklich schon mal gemacht hättest? Ob ich mir sicher sei. Und nein, von verlorenen Eiern wüsstest du nichts mehr. Irgendwas gab es am Ende zum Mittag. Aber deine richtige Kartoffelsuppe, die besondere, die nur Oma macht, die gab es nicht. Die gab es nie wieder. Heute tut es mir leid, wie unwirsch ich damals zu dir war. Ich hatte nicht verstanden, dass du wolltest, aber schon nicht mehr konntest.