Herbert
Du hattest immer Hunde. Ich erinnere mich an Darko. Er war immer etwas böse. Ich weiß nicht, ob er so war oder du ihn so gemacht hattest. Ich sollte immer vorsichtig sein. Aber in meinem Kinderherzen fand ich ihn eigentlich immer nett. Nur vielleicht etwas schlecht gelaunt. Er war dir wichtig. Ich glaube, er war dir sehr wichtig. Über dem Fernseher hing immer ein Bild von ihm. Ich weiß nicht mehr, wann er gestorben ist. Oder wie. Aber irgendwann hattest du Shila. Sie war schon etwas älter, als sie zu dir kam. Eine drahtige, schöne Schäferhündin. Sie war gut erzogen und sogar in der Hundeschule gewesen. Damals dachte ich, dass das etwas ganz Besonderes war. Wir waren oft unterwegs mit ihr. Einmal war auch mein erster Freund mit. Wir waren unten im Tal und haben uns gegenseitig gejagt, er und ich. Shila bellte und wollte mich schützen. Das hat mir was bedeutet. Ich weiß noch, wie sehr mich das gefreut hat. Und dann kam zeitweise noch ihr Sohn dazu. Irgendwann, Mitte der 90er, hatte Shila einen Wurf. Alle Welpen waren vergeben, bis auf einen. Der hieß auch Darko. Aber der war sehr nett. Sie waren beide bis zum Ende ihrer Tage bei dir. Ihr wurdet zusammen alt. Auf euren Spaziergängen wussten die Hunde schon immer, wo welche Bänke standen, an denen ihr Pause gemacht habt. Heute hängen auch diese beiden über dem Fernseher. Von dir hängt dort kein Bild. Deine Hunde sind immer noch da. Irgendwie eine seltsame Ironie.
Du hattest fast immer deine schwarze Dachdeckeruniform an. Schlaghose, mit schwarzem Cord. Eine Weste. Und Hut. Ich wusste damals nicht, dass Handwerker so aussehen. Jetzt, wenn ich das schreibe, dann ärgere ich mich. Wir mochten uns immer. Aber wir haben uns eigentlich nie unterhalten. Ich weiß noch nicht einmal, ob du auf Wanderschaft warst. Oder wie du eigentlich den 2. Weltkrieg und vor allem am Ende den Volkssturm überlebt hast. Du warst damals 14, 15 Jahre alt. Ideales Kanonenfutter. Wo warst du wohl? Hast du dich, wie mein richtiger Opa, im Wald versteckt?
Du warst der Freund meiner Oma, nicht mein richtiger Opa. Den mochte ich nicht besonders. Er war irgendwie herrisch, besitzergreifend. Nicht herzlich. Bei euch beiden war ich gerne. Bei Opa und seiner Frau nicht. Einmal habe ich zu dir gesagt, dass du mein Opaonkel bist. Ich weiß heute noch, wie sehr du dich darüber gefreut hast.
Als du dann älter wurdest, hast du dich sehr verändert. Ich erkannte dich nicht mehr. Du hast dich deinen Erkrankungen hingegeben. Damals habe ich das nicht verstanden. Heute sehe ich, dass ich keine Empathie für dich hatte. Du hast viel ferngesehen. Du hast Schwachsinn im Shoppingfernsehen bestellt. Dein Sessel hat dich aufgefressen. Heute denke ich, dass du sehr unglücklich gewesen sein musst. Holz war immer deine Welt. Ich rieche noch deine Werkstatt und spüre die Wärme des Ofens. Deine Werkstatt war toll. Man konnte direkt am Fenster arbeiten und dabei auf das Dorf schauen. Du hast mir einen Setzkasten gebaut und eine Hundehütte. Aber du konntest nicht mehr. Du warst zu krank. Nicht unbedingt weil du wirklich nicht mehr konntest. Aber doch weil du der Krankheit viel Raum gegeben hast. Ich weiß nicht, bis wann du eigentlich gesund warst. Aber du warst es, der am Ende in ein Heim wollte. Oma ist mitgekommen. Sie hätte auch länger im Haus bleiben können. Aber es war klar, dass ihr zusammenbleibt. Bis zum Ende.
Du hattest vieles. Auch Parkinson. Es tut mir leid, dass ich auch das nicht verstanden habe. Du hattest Wahnvorstellungen. Und ich hatte Angst. Vor dir, obwohl du schon nicht mehr aufstehen konntest. Aber ich wusste einfach nicht, wie ich damit umgehen soll. Du hast Dinge gesehen, die aus der Wand kommen. Und ich habe angefangen, dich nicht mehr zu sehen. Ich habe mich unwohl gefühlt im Pflegeheim. Ich wollte immer weg, wenn ich da war. Und ich war selten da. Das bereue ich bis heute.