Gedanken aus dem Alltag

2. Oktober 2026 · 1 Minute Lesezeit

Wahlfamilie

Mit der Einrichtung ist es ja so: Nach dem Umzug gibt es erst einmal nichts Wichtigeres. Das Farbkonzept: Grau und Weiß. Vielleicht Beige. Geometrische Formen. Füße aus Metall. Clean, fast klinisch. Aber dann doch noch die eine oder andere Dekoration, gerne hochwertig. Vielleicht sogar in Farbe. Senfgelb geht gut. Es soll nicht Instagram sein. Aber vorzeigbar soll es schon sein. Und angemessen. Und ein bisschen so, dass andere neidisch werden könnten. Man ist wochenlang beschäftigt, stellt auf und um, arrangiert und rearrangiert.

Und dann steht es so. Die Bilder hängen, die Vasen stehen. Die Sofakissen werden ab und an wieder flauschig geklopft. Man vergisst, wie wichtig es einmal war. Und irgendwann auch, was da eigentlich steht und hängt. So umgibt man sich manchmal jahrelang mit Dingen, die nicht mehr zum eigenen Leben gehören. Weil man aufgehört hat, sie zu sehen.

Heute bin ich die Treppe im Flur runtergegangen. Auf unsere Pinnwand zu. Dort hängt seit unserem Einzug ein Bild von uns allen. Am Strand, mit Hunden und Baby. Die Sonne scheint, und wir lachen. Wir, das war meine Wahlfamilie. Freunde, die mehr als Freunde waren. Immer da, absolut verlässlich. Ich habe mich gewundert, dass ich genauso genommen wurde, wie ich bin. Dass das gut genug war.

Wenn ich auf das Bild schaue, sind die Gefühle von damals wieder da: Zusammengehörigkeit, Sicherheit, Vertrauen. Wind im Haar und Sonne und das Eis, das wir kurz vor dem Foto zusammen gegessen haben. Seit ein paar Monaten macht es mich auch traurig. Ich fühle mich verletzt und zurückgewiesen. Es ist, als käme das Bild aus einer anderen Zeit.