Gedanken aus dem Alltag

7. Oktober 2026 · 7 Minuten Lesezeit

It’s a small, small world

Im Disneyland Paris gibt es eine Attraktion, die aus der Zeit gefallen scheint: „It’s a small world“. Eine Bootsfahrt durch eine Halle voller kleiner Puppen, die tanzen und musizieren. Seit bald 35 Jahren fährt man dort durch die Welt, wie sie sein soll, wenn nur alle nett zueinander wären.

Auf Hawaii tanzen die Puppen in Bastrock und Blumenkette. Anderswo tragen sie einen Muff und werden auf Schlitten von Hunden gezogen. Die österreichischen Puppen sitzen im Riesenrad im Prater. Alles ist bunt und gut gelaunt. Dazu läuft in Endlosschleife „It’s a Small World (After All)“ von den Sherman Brothers.

Ich finde das irritierend. Und auf eine Weise auch beruhigend. Jeder kennt seine Rolle und die Erwartungen daran. Niemand muss überlegen, was als Nächstes kommt.

In Anaheim tanzen die Puppen schon seit 1966 ihren Traum von der kleinen Welt. Ein Ende ist nicht in Sicht. Warum auch? Alles ist überschaubar. Man erkennt sofort, wer wohin gehört.

Aber wehe, die russische Puppe hat plötzlich keine Lust mehr auf Balalaika und Kosakentanz. Oder auf Hawaii hat jemand die Blumenkette satt. Das ist in der Small World nicht vorgesehen.

Manchmal kommt mir das bekannt vor.

Wir gehen spazieren. Wir, das sind zwei eher entfernte Bekannte und ich. Wir sind nicht oft zusammen unterwegs. In ihrer Gegenwart fühle ich mich befangen. Es wird schnell gewertet, und ich habe das Gefühl, dass nicht alles, was ich sagen möchte, auch verstanden wird. Deshalb erzähle ich wenig.

Der Weg ist wunderschön. Der Herbst hat die meisten Blätter schon bunt gefärbt. Es raschelt leise beim Gehen.

„Ja, und was machst du jetzt so?“, fragt meine Bekannte.

Die Frage klingt sachlich. Ich erzähle von Projekten und Ideen. Davon, dass ich mich auch bewerbe, aber noch nicht richtig weiß, wohin. Dass sich das verloren anfühlt. Und dass zugleich vieles möglich ist. Dass darin eine große Freiheit liegt, die ich spannend finde und aufregend.

„Ja, aber du bist ja jetzt auch schon ein Dreivierteljahr zu Hause.“

Ist das eine Frage? Oder eine Aussage?

Ein Dreivierteljahr, denke ich. Oh Mann. Echt? Ich rechne nach. Ja, stimmt. Es so zu hören fühlt sich riesig an. In der Zeit bekommen andere Kinder und bauen Häuser. Mir ist sie ganz schnell vergangen.

„Ja, das stimmt“, sage ich.

Stimmt ja auch.

Ich könnte jetzt aufzählen, was ich in dieser Zeit gemacht habe. Zu Hause herumgesessen habe ich jedenfalls nicht. Ich habe Websites programmiert. Bin bei Workshops eingesprungen. Habe Coachings gegeben und Vorträge gehalten.

Damit ließe sich doch etwas anfangen. Damit könnte ich erklären, dass diese Monate keineswegs leer waren.

Ich habe auch unseren Haushalt gemanagt und mich um unsere Tochter gekümmert. Ich war da. Ich war präsent. Ich war mit dem Hund draußen. Habe geatmet und der Natur beim Sein zugeschaut.

Merkwürdig, in welcher Reihenfolge mir das einfällt.

Die Websites zuerst. Die Vorträge. Alles, was nach Arbeit klingt und möglichst wenig Erklärung braucht. Was Vorzeigbares. Dass ich für unsere Tochter da war, kommt später. Dass ich draußen war und Zeit hatte, noch später.

Dabei möchte ich doch gerade sagen, dass auch das zählt. Trotzdem beginne ich meine Verteidigung mit dem, wofür ich am ehesten Anerkennung erwarten kann. Meine Verteidigung vor mir selbst.

„Ja, und wie soll es jetzt weitergehen?“

Wieder eine sachliche Frage. Für mich klingt sie drängender als die vorige. Ich höre darin die Erwartung, dass es nun langsam einen Plan geben müsste.

Ich habe keinen.

Ich habe nicht diese eine Passion. Auch nicht das eine Talent. Ich kann vieles sehr gut, bin neugierig und interessiert. Ich mache gern etwas. Aber ich bin keine Perfektionistin. Keine Expertin.

Was ich weiß: Es fühlt sich gerade richtig an. Loszugehen, ohne schon zu wissen, wo ich ankomme. Chancen zu ergreifen, die am Weg liegen, ein Stück weiterzugehen und mich wieder umzuschauen. Vielleicht wird dann etwas sichtbar, das ich vom Ausgangspunkt aus noch gar nicht erkennen konnte.

Das könnte ich sagen.

„Ja, ich weiß nicht“, sage ich.

„Ja, aber du kannst doch jetzt nicht noch ein Dreivierteljahr zu Hause rumsitzen?!“

Diesmal ist die Empörung unüberhörbar.

Hm. Ja. Das geht natürlich auf gar keinen Fall.

Aber warum eigentlich nicht?

Ich habe ein Leben, und das möchte ich bestmöglich nutzen. Ich habe Zeit und Kompetenzen. Also suche ich mir eine Arbeit, bei der ich beides gegen Geld eintausche. Mit dem Geld mache ich mein Leben dann schöner, besser, aufregender. Kaufe Dinge, fahre in den Urlaub.

Wenn ich aber gerade Geld habe, Ersparnisse zum Beispiel, kann ich meine Zeit doch unmittelbar in mein Leben stecken. Zusammen mit dem Geld, das da ist. Jedenfalls so lange, wie es reicht.

Warum also kann ich nicht noch ein Dreivierteljahr zu Hause rumsitzen?

Zumal ich das gar nicht tue.

Da ist sie wieder, diese Einschränkung. Ich lasse sie meiner Frage sofort folgen, als wäre die Frage allein nicht zu vertreten. Ich arbeite doch. Ich mache doch etwas. Ich kann es beweisen.

Würde ich mir diese Zeit auch zugestehen, wenn ich am Ende nichts vorzuweisen hätte?

Ich weiß es nicht so genau, wie ich mir das nächste Dreivierteljahr vorstelle. Projekte und Ideen habe ich jedenfalls schon in meiner ersten Antwort erwähnt. Vielleicht auch, weil eine offene Zukunft leichter auszuhalten ist, wenn sie nach etwas aussieht, das sich irgendwann auszahlen könnte.

Ich arbeite gern. Das habe ich in dieser Zeit gelernt. Ich gestalte, denke mir Dinge aus, erschaffe etwas und mache danach etwas Neues. Nur muss das nicht immer im klassischen Rahmen der Erwerbsarbeit geschehen.

Und es gibt Dinge, die mir fehlen. Ein sozialer Zusammenhang zum Beispiel. Menschen, mit denen ich regelmäßig an etwas arbeite. Dass sich meine derzeitige Situation richtig anfühlt, heißt nicht, dass ich alles an ihr gut finde.

Darüber ließe sich reden.

Ich könnte fragen, was meine Bekannte mit Rumsitzen meint. Ich könnte ihr erklären, warum ich diese Zeit anders erlebe. Vielleicht würden wir dann auch darauf kommen, was Arbeit für uns jeweils bedeutet und was wir von ihr erwarten. Und was Zwischentöne sein könnten.

Aber dazu müsste ich mich weiter erklären, vor jemandem, bei dem ich mich ohnehin schnell beurteilt fühle. Ich müsste aushalten, dass meine Erklärung womöglich nichts ändert. Oder dass eine Rückfrage kommt, auf die ich selbst noch keine Antwort habe. Oder dass ich ein Urteil bekomme.

Ich habe keine Lust, mich zu rechtfertigen.

Ich bin auch feige.

Und ich habe gelernt, dass das, was ich sagen möchte, oft nicht so verstanden wird, wie ich es meine. Also kürze ich ab.

„Och ja. Also doch, eigentlich kann ich mir schon ganz gut vorstellen, noch ein Dreivierteljahr zu Hause zu sitzen.“

Stille. Nur das Rascheln des Laubs unter unseren Schritten.

Dann ein irritiertes, verständnisloses „Aha“.

Ich kann das verstehen. Meine Antwort klingt nach Trotz. Ein bisschen Trotz ist auch dabei.

Von den Gedanken, die für mich zu diesem Satz gehören, habe ich kaum etwas ausgesprochen. Ich habe von Projekten erzählt, von Unsicherheit und Freiheit. Aber nicht davon, warum mir die Zeit selbst etwas wert ist. Warum ich sie nicht nur als einen Zwischenraum empfinde, der möglichst schnell wieder mit einer Stelle gefüllt werden muss.

Ich möchte verstanden werden. Gleichzeitig halte ich vieles zurück, was mein Gegenüber dazu wissen müsste.

Vielleicht hätte sie auch dann verständnislos reagiert. Ihr „Rumsitzen“ lässt wenig Raum für meine Sicht. Aber ich habe nicht herausgefunden, ob sich dieser Raum im Gespräch noch hätte öffnen lassen.

In mir bleibt das Gefühl einer ungenutzten Chance. Es hätte ein spannendes Gespräch werden können. Eines, das meinen Blick erweitert hätte.

Wobei ich mir eingestehen muss, dass ich zunächst vor allem auf Verständnis gehofft hatte. Darauf, dass jemand sagt: Ja, das kann ich nachvollziehen. Ein Gespräch, das mich erweitert, hätte womöglich auch meine eigene Erklärung ins Wanken gebracht.

Ich lebe gern in Möglichkeiten. Das soll nicht gehen? Warum eigentlich nicht? Diese Frage hat mich schon immer beschäftigt. Wenn jemand sagte: „Nein, das geht nicht“, setzte das Energie in mir frei. Jetzt erst recht.

Auch diesmal. Kaum heißt es, ich könne nicht noch ein Dreivierteljahr so weitermachen, kann ich es mir besonders gut vorstellen. Dabei weiß ich noch gar nicht, ob ich das möchte.

Ich denke an die small small world. Dort scheint alles klar: Entweder man arbeitet, oder man bewirbt sich, um bald wieder zu arbeiten. Dazwischen ist wenig vorgesehen.

Meine Bekannte habe ich darin längst untergebracht. Sie gehört zu den Menschen, die klare Regeln brauchen. Ich zu denen, die Möglichkeiten sehen. Dabei weiß ich wenig darüber, wie sie selbst mit Unsicherheit lebt. Ich kenne ihre Sätze aus diesem Gespräch. Die Gedanken dahinter kenne ich nicht.

Meine eigenen hat sie auch nicht gehört.

Nach zehn Minuten ist die Bootsfahrt in der small small world vorbei. Ich bin froh, wieder draußen zu sein. Gleichzeitig bedaure ich ein wenig, kein Mensch dieser kleinen Welt zu sein. Es wäre manchmal eine Erleichterung, wenn ich wüsste, was als Nächstes kommt. Wenn es einen richtigen Weg gäbe, den ich nur finden und gehen müsste.

Ich verstehe, was die Menschen daran anzieht.

Ich habe eine Zeit lang versucht, die Regeln der kleinen Welt zu lernen und damit glücklich zu werden.

Nur geklappt hat es nicht.